Das Senfkornprinzip

Gestern kam mein ältester Sohn von einer kirchlichen Jugendveranstaltung an unserem Wohnort zurück. Er war der einzige Besucher, berichtete er. Doch der Gemeindereferent und er hätten sich gut unterhalten.

Manchmal nehmen wir solche und ähnliche Erfahrungen zum Anlass, enttäuscht zu sein und einer Resignation Raum zu geben. Seit längerem aber beschäftigt mich viel mehr die Frage, ob wir – ob ich ganz persönlich – vielleicht erzogen werden soll. Und was es lernen gilt. Irgendwie scheint es so zu sein, dass wir wie Sämänner den uns anvertrauten Samen in der Wüste verstreuen. Was in uns blüht, findet keine Entsprechung im Außen. Es interessiert scheinbar nicht, nahezu niemanden. Und doch fühlen wir uns so reich beschenkt.

Vielleicht ist es ja so, dass wir die Dimensionen jenes Reichs, das wir das „Reich Gottes“ nennen, erst zu erahnen beginnen. Dort scheinen völlig andere Regeln und „Gesetzmäßigkeiten“, andere Maßstäbe zu gelten als die, die wir kennen und denen wir gemeinhin folgen. „Erfolg“, wie wir ihn definieren, scheint dort anders „gesehen“ zu werden: Wir hören etwa, dass im Himmel mehr Freude herrsche über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte.

Nach irdischen Maßstäben würde man wohl über mich sagen müssen, dass ich ein erfolgloser Schriftsteller bin, weil es für das, was ich schreibe, keine Öffentlichkeit (keinen „Markt“) gibt. Ich sah schon oft in ratlose Gesichter, bin meist auf kein Interesse, eher auf Vorbehalte gestoßen. Aber das Gesicht, in das ich sehe – nicht nur, wenn ich schreibe –, ist ein anderes. Und das, was zuweilen schreibend entsteht, spiegelt einen winzigen Funken des Feuers wider, an dem ich mich wärmen darf. Gerade jetzt, da wieder ein neues Buch entsteht, befinde ich mich oft auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite des Wegs sehe ich Wüste, in der nichts wachsen wird. Auf der anderen Seite blüht dieselbe Wüste wunderbar.

Wir werden erzogen. Wir lernen in ganz kleinen Schritten, was der Herr uns vorgelebt hat. Da ist mehr Ahnen als Begreifen, mehr Spüren als eine deutlich erkennbare Spur. Und dennoch folgen wir ihm weiter, als Einzelne, als Brennende, als Kirche. Denn wer sein Leben nicht verliert, wird es nicht gewinnen. Vertrauen ist ein ausgezeichneter Weg, sein Leben zu gewinnen. Gott sei Dank gibt es immer wieder Wegbegleiter (wie meinen Verleger), die uns ermutigen, auf unsere Begabungen und auf „das Korn“ zu vertrauen.

 

Das Senfkornprinzip

Wir werden klein

Wir lernen,
groß vom Korn zu denken

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